Pani Grażyna

Wir treffen uns mit Pani Grażyna, der Übersetzerin von Bobkowskis Tagebüchern, in ihrem Apartment in Warschau. Sie lebt in New York, wo sie die Tagebücher für die Yale University Press ins Englische übersetzt.

Sie erzählt uns, dass sie vor drei Jahren einen Teil der Strecke, von Carcassonne bis Nizza, mit dem Fahrrad abgefahren ist. Wir unterhalten uns über die Intensität dieser Erfahrung, die vielen verschiedenen Eindrücke – seien es wechselnde Gerüche, Landschaften, Wetterbedingungen etc. – und das ständige Fortbewegen, das einen zufrieden stellt. Was macht so eine mehrmonatige Radtour mit einem? Wie verändert sich die Wahrnehmung? Und vor allem, wie verändert sich die Beziehung zu dem Buch, das einen die ganze Zeit über begleitet? Pani Grażyna jedenfalls wollte die Farben und die Landschaften sehen, in denen das Buch geschrieben wurde, um das Buch besser zu verstehen und übersetzen zu können.

Henryk Karol Bobkowski

Das Gefühl der Freiheit treibt auch Andrzej Bobkowski an, sich auf diese Fahrradtour zu begeben. Er wird in Wiener Neustadt im Oktober 1913 geboren, denn sein Vater, Henryk Karol Bobkowski, laut Pani Grażyna ein strenger, autoritärer Mann, ist dort Major in der Infanterie der k.k. Monarchie. Andrzej beginnt 1933 ein Wirtschaftsstudium in Warschau, verlässt aber 1939 Polen und flieht mit seiner Frau Barbara Birtusowna, die er – gegen den Willen seiner Familie – zuvor geheiratet hat, nach Frankreich, wo er in Châtillon bei Paris Unterschlupf findet. Im September 1939 will er der polnischen Armee in Frankreich beitreten, er wird aber aufgrund von politischen Gründen, die mit seiner Herkunft zusammenhängen, nicht in die Armee aufgenommen. Als die Nazis 1940 kurz vor Paris stehen, verlässt er ohne seine Frau Basia die Stadt.

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Dieses Detail in Andrzej Bobkowskis Biografie beschäftigt mich seit unserer Fahrradreise durch Frankreich. Warum lässt Bobkowski am 12.06.1940, kurz vor dem Einmarsch der Nazis in Paris am 14.06.1940, seine Frau alleine in Paris zurück? Er begründet es in seinen Tagebüchern mit der Notwendigkeit, zum Militär zu gehen, um zu kämpfen, obwohl er sich vor diesen „Pflichten gegenüber dem Vaterland“, wie er schreibt, ekelt. Kaum hat er Paris verlassen, ist von Kämpfen keine Rede mehr, im Gegenteil, seine Abreise liest sich plötzlich wie ein persönlicher Befreiungsschlag: „Zum ersten Mal im Leben schreibe ich, notiere ich. Und nur das erfüllt mich. Und außerdem befriedigt mich diese wunderbare Freiheit, dieses Chaos, in dem man sich zurechtfinden muß.“ Quelle: Bobkowski, Andrzej: Wehmut? Wonach zum Teufel? Tagebücher aus Frankreich Band I 1940-41. Übersetzt von Martin Pollack, Rospo Verlag, Hamburg, 2000, S.22.

Dieser persönliche Befreiungsakt (weg vom Elternhaus, der Ehefrau, von lästigen Verpflichtungen?), der ihm den Spitznamen „Hooligan der Freiheit“ (pl.„chuligan wolności“) einbrachte, hat er schließlich dwegen seinen starken Überzeugungen verliehen bekommen. Seine oppositionelle Haltung ließ Bobkowski zu einem der wichtigsten, aber auch in Polen lange verkannten und als ‚Geheimtipp‘ geltenden Exilschriftsteller werden.

Die letzten Jahre dennoch haben eine neue Welle der literarisch-kritischen Überlegungen über Bobkowskis Werke mit sich gebracht. Lange Zeit war nur die von ihm an vielen Stellen geänderte und erst 1957 (also 13 Jahre nach Beendigung der Tagebücher) herausgegebene Fassung der Tagebücher bekannt. Doch ein Artikel von Łukasz Mikołajewski über die Änderungen in Bobkowskis Tagebüchern nach dem Zweiten Weltkrieg („Pamięć fabularyzowana. Powojenne poprawki w Sykicach Piórkiem Andreja Bobkowskiego“) eröffnete eine neue Debatte über die Rezeption der Tagebücher.

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Die literaturkritischen Untersuchungen seiner Originalmanuskripte offenbarten, dass der Schriftsteller im Nachhinein viele Stellen im Tagebuch gelöscht, korrigiert und hinzuerfunden hatte. So korrigierte Bobkowski z.B. Passagen, die vorwiegend seine negative Einstellung gegenüber Juden zeigten. Diese späte Entdeckung der Manipulation durch den Autor machte es unmöglich, ihn selbst zu fragen, da Andrzej Bobkowski bereits 1961 in Guatemala starb. Pani Grażyna stellt mir eine Gegenfrage auf die Frage, warum ihrer Meinung nach die Originalskizzen, die Bobkowski auf seiner Fahrradreise 1940 verfasst hat, und die jetzt in einem Archiv in New York aufbewahrt werden, von Andrzej und Basia Bobkowski nie kommentiert oder zerstört wurden, um genau diesen Debatten vorzubeugen.

Kann man einen Autor aus seiner Verantwortung befreien und die Tagebücher, unabhängig von ihrem Genre als pure Fiktion lesen, in der alles erlaubt ist? Pani Grażyna ist der Meinung, dass unabhängig davon, wo man die Grenze zwischen Verantwortung und Freiheit des Autors definieren will, die auf Vertrauen basierende Beziehung zwischen Leser und Autor damit gestört war. Jeder, der sich heute mit Bobkowskis Tagebüchern beschäftigt, muss wohl oder übel zum Original Stellung beziehen.

Bobkowski, der vor dieser Auseinandersetzung gerne von der Literaturkritik als Held und Visionär eingestuft worden war, hat somit diesen Status eingebüßt. Dieses Zeitzeugnis kann jedoch als Geschenk gesehen werden, denn an ihm entzündet sich eine vielfältige Debatte, die uns über den Prozess des Schreibens und auch über unsere heutige Haltung gegenüber der Vergangenheit nachdenken lässt.

Bildquelle:

Bild 1 – http://muzeumliteratury.pl/andrzej-bobkowski-zycie-zapisane-wystawa-w-100-lecie-urodzin/

Bild 2 – aus: Bobkowski, Andrzej: Wehmut? Wonach zum Teufel? Tagebücher aus Frankreich Band I 1940-41. Übersetzt von Martin Pollack, Rospo Verlag, Hamburg, 2000, S.19

Bild 3 – Originalmanuskript der editierten Tagebücher, aus dem Archiv des Institut Littéraire Kultura in Maisons-Laffitte bei Paris

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