Das Original

Seit der Publikation von Bobkowski´s Tagebüchern durch das Instytut Literacki in Paris 1957, gab es Stimmen, die Zweifel über die Authentizität des Textes äußerten, da sich in den Tagebüchern eine erstaunliche Exaktheit über den Hergang von Ereignissen finden lässt, die sich während und nach dem Krieg alle bewahrheiteten. Kritiker konnten über Änderungen jedoch nur spekulieren, denn zu dieser Zeit wusste man noch nichts von der Existenz der Originalmanuskripte. Erst im Jahr 2000 wurden die Manuskripte im Polish Institute of Arts and Sciences of America (PIASA) in New York aufgefunden. Zuerst änderte sich nichts an der Rezeption der Tagebücher, die fortlaufend das Bild des Schriftstellers als voraussehenden Beobachter des Zeitgeschehens bestätigte. Es war in der Kritik lediglich von kleinen Änderungen in den beiden Versionen die Rede.

Wie dem auch sei, Bobkowski hatte, während er die Herausgabe der Tagebücher vorbereitete, einige Paragraphen und Einträge geändert oder gestrichen, eine sicherlich herkömmliche Praxis in der Herausgabe von Tagebüchern. Dennoch hatten diese Änderungen einen großen Impakt auf das literarische Image des Autors. Wie weit ging Bobkowski mit seinen Änderungen, die seine Kriegsnotizen in eine “literarische Arbeit” umwandeln sollten? Und was können wir aus dem komparativen Vergleich der beiden Tagebuchversionen lernen?

Der polnische Wissenschaftler Łukasz Mikołajewski vergleicht in seiner Dissertation “Disenchanted Europeans. Polish émigré writers from Kultura and the postwar reformulations of the West”, die er am European University Institute in Florenz im Jahr 2012 veröffentlichte, das 1957 herausgegebene und überarbeitete Tagebuch “Wehmut? Wonach zum Teufel?” mit den eigentlichen Kriegstagebüchern, die Bobkowski von 1940-44 verfasst hat. Die Jahre, die zwischen dem Verfassen und der Veröffentlichung der Tagebücher liegt, kennzeichnen eine Zeit der großen Veränderungen der politischen Sprache und Ideen der meisten europäischen Intelektuellen. Kann man in den Korrekturen der Nachkriegszeit auch ein verändertes politisches Denken Bobkowskis gegenüber dem Original finden?

Man findet, laut Mikołajewski, in “Wehmut? Wonach zum Teufel?” sowohl kleinere als auch größere politische Änderungen, die man kaum übersehen kann: Bobkowskis Einstellung während des Krieges zum Thema Elitarismus, Massenkultur und Einstellung europäischer Intelektuellen gegenüber den USA, sowie, was wohl am wichtigesten ist, seine Anmerkungen zu Juden und ihre Verfolgung während des II. Weltkrieges. In dem Mikołajewski diese Änderungen vergleicht, bekommt man ein leicht verändertes Bild von Europa und Bobkowskis früherem Europäertum. Ein Bild, das er in den späten 50er Jahren zu verschleiern oder zu korrigieren bevorzugte.

Bobkowski veränderte seine Tagebücher und passte sie der veränderten geopolitischen Situation und den neuen politischen Meinungen an, in dem er viele Sachen korrigierte, um sich so zu präsentieren, wie er sich in den 50er Jahren selbst sah. Was am meisten von ihm adjustiert wurde, waren die emotionalen Reaktionen und politischen Kommentare des Erzählers. In dieser Beziehung erfuhren die Tagebücher die größten Änderungen und Bedeutungswechsel.

Während des Krieges sah Bobkowski Juden und Mitglieder der Freimaurer als Hauptgefahr für die Zukunft Polens und Europas. In der publizierten Version der Tagebücher veränderte er den Text, um diese Ansichten zu verstecken und anderen politischen Agenten zuzuschieben. Seine antisemitischen Ansichten sind in den publizierten Tagebüchern gänzlich absent. Bobkowski akzentuierte während des Publikationsprozesses Aspekte seiner Gedanken und verschleierte andere; bezüglich seines Antisemitismus änderte er jedoch im Buch radikal seine Meinung.

Łukasz Mikołajewski legt deshalb in seiner Analyse besonderes Augenmerk auf dieses Thema. Er macht dabei klar, dass die antisemitischen Gefühle Bobkowskis in einer ganzen Generation polnischer Intelektuellen präsent sind. Wie bereits bekannt ist, bekam Bobkowski seine Universitätsausbildung in den 30er Jahren in Polen – einer Zeit in der der Antisemitismus in den neuen zentral- und osteuropäischen Nationalstaaten eskalierte.

Bisher ist es nicht bekannt, dass Bobkowski einen Artikel publiziert hätte, in dem er seine antisemitischen Meinungen geäußert hat. In dieser Hinsicht nimmt sich sein Schweigen in der Nachkriegszeit und seine Korekturen anders aus, als die anderer europäischer Intelektueller seiner Generation, wie etwa Paul de Man, Cioran, oder Mircea Eliade. Trotzdem kann man sein Tagebuch als wichtiges Dokument ansehen, das die Schwierigkeiten der Konfrontation der persönlichen Geschichte in den Nachkriegsjahren zeigt. Bobkowski kreierte sein literarisches Selbst in der Nachkriegsperiode, ohne sein damaliges Bild von Europa und seine politischen Ansichten während des Krieges öffentlich zu machen.

In seiner Arbeit interessiert sich Mikołajewski weniger für biographische Details als für den Wechsel der politischen Perspektive Bobkowskis und er argumentiert, dass diese Änderungen mehr als rein literarisch oder stilistisch anzusehen sind, sondern signifikant sind für die politische Aussage der Arbeit des Schriftstellers.

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