Interview mit Martin Pollack, Übersetzer der Tagebücher

Ich habe Martin Pollack vor ein paar Jahren in Bukarest anlässlich einer Lesung aus seinem Buch  „Der Tote im Bunker. Bericht über meinen Vater“ an der Fakulät für Fremdsprachen getroffen. In seinem Buch „Der Tote im Bunker. Bericht über meinen Vater“ (2004) rollt er die nationalsozialistische Lebensgeschichte des eigenen Vaters auf. Siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Tote_im_Bunker

Ich war zu dieser Zeit OeAD-Lektorin an der Uni Bukarest. Ich kannte Bobkowski damals nur aus der Französischen  Übersetzung „En Guerre et en Paix, journal 1940-1944″.

En guerre...

TagebueherErst als ich nach Polen umzog, hab ich die deutsche Übersetzung „Wehmut? Wonach zum Teufel? entdeckt, die von Martin Pollack gemacht und im Rospo Verlag 2000 herausgegeben wurde. Damals hatten wir schon die Idee für unser Bobkowski Projekt www.undjetztbobkowski.de  und nahmen wieder Kontakt mit Martin auf.

08.02.2006 WARSZAWA - MARTIN POLLACK - PISARZ , BYLY REDAKTOR I KORESPONDENT CZASOPIMA " DER SPIEGEL " FOT. BARTOSZ BOBKOWSKI / AGENCJA GAZETA

Bildquelle: https://czarne.com.pl/katalog/autorzy/martin-pollack

Martin Pollack wurde 1944 in Oberösterreich geboren und ist Journalist, Schriftsteller und literarischer Übersetzer.

Nach seiner Ausbildung zum Bau- und Möbeltischler schlug er eine akademische Laufbahn ein und studierte Slawistik und osteuropäische Geschichte. Bereits während seines Studiums in Wien und Warschau arbeitete Pollack als Übersetzer und Reporter. Seine intensive Beschäftigung mit der geschichtlichen Entwicklung Osteuropas und seine diesbezügliche journalistische Tätigkeit bilden bis heute die Grundpfeiler seines Werks.

Pollack, der sich durch die historische Aufarbeitung von Nationalsozialismus und Kommunismus sowie durch seine Übersetzertätigkeit für die Verständigung zwischen Polen und Österreich einsetzt, wurde für dieses Engagement bereits vielfach ausgezeichnet. 2003 erhielt der Autor das Kavalierskreuz des Verdienstordens der Republik Polen sowie den Österreichischen Staatspreis für literarische Übersetzungen. 2007 wurde er mit dem Karl-Dedecius-Preis für polnische und deutsche Übersetzer und dem Toleranzpreis des österreichischen Buchhandels geehrt. Für sein Gesamtwerk erhielt Pollack außerdem 2010 den Georg-Dehio-Buchpreis.

Schriftliches Interview mit Martin Pollack

Wie bist du auf das Buch gestoßen?

Die Verlegerin hat mich aufgefordert, das Buch zu übersetzen, es war also eine Auftragsarbeit, was ich sonst fast nie gemacht habe. Aber das Buch hat mich sofort überzeugt, ja, begeistert …

Warum hast du dich dazu entschlossen, die Tagebücher von Andrzej Bobkowski zu übersetzen?

Siehe oben – und dazu kommt, und das ist wichtig, dass ich damals die nötige Zeit hatte …

Was gefällt dir besonderes an den Tagebüchern?

Der ganz besondere literarische Stil Bobkowskis, auch natürlich die Thematik, die Zeit hat mich immer interessiert.

Warum dieser Titel “Wehmut? Wonach zum Teufel?” ?

Eine gute Frage – den hat die Verlegerin sich gewünscht – ich persönlich war dagegen, aber der Titel liegt am Ende immer in der Verantwortung des Verlags.

Was denkst du persönlich über den Autor?

Ich finde Bobkowski sehr faszinierend, sein Entschluss, mit Europa zu brechen – nicht nur mit Polen, das hatte einsichtige Gründe, dorthin konnte oder wollte er nicht zurückkehren. Aber es gab wenige Autoren, die so radikal mit Europa insgesamt gebrochen haben. Ob er am Ene glücklich war über die Entscheidung, ist eine andere Frage. Aber ich bin kein Bobkowski-Experte …

War oder ist dir bekannt, dass die Originalskizzen der Tagebücher in New York liegen und hast du sie jemals gelesen?

Ja, das wußte ich, aber gesehen habe ich sie nicht. Der Verlag, für den ich das übersetzt habe, war ja sehr klein (und ist auch bald wieder eingegangen, ich hoffe, da war nicht Bobkowski dran schuld), der hatte nicht das Geld, noch aufwendige Recherchen oder Ähnliches zu finanzieren …

Hat sich deine Meinung gegenüber dem Buch geändert, als dir klar wurde, dass Bobkowski Jahre nachdem er die Tagebücher geschrieben hat, sie noch einmal überarbeitet und geändert hat?

Nein, nicht wirklich.

Kannst du dich an Schwierigkeiten bei der Übersetzung erinnern?

Ja, das Buch hat mir streckenweise große Schwierigkeiten bereitet, ich habe einige Zeit gebraucht, bis ich „hineingefunden“ habe, den richtigen Ton … auch vom Vokabular her war es teilweise sehr anspruchsvoll, aber das ist normal.

Sollten die Tagebücher in ihrer Vollständigkeit übersetzt werden?

Ja, natürlich, wir haben ja nur den ersten Teil gemacht, dann ging der Verlag, soweit ich mich erinnern kann, pleite, leider.

Waren andere Verlage auch interessiert oder wie kam es dazu, dass die Tagebücher im Rospo Verlag erschienen?

Ich glaube nicht, dass es da eine große Konkurrenz gab – ich weiß auch nicht mehr, wie die Verlegerin, die ja nicht Polnisch konnte, auf Bobkowski gestoßen ist.

Wie ist das Buch beim deutschsprachigen Publikum angekommen?

Meiner Erinnerung nach recht gut, aber ein kleiner Verlag hat wenig Möglichkeiten, große Werbung zu machen – und das braucht es bei einem unbekannten Autor, noch dazu aus Polen – die polnische Literatur hatte damals noch erheblich mehr Schwierigkeiten auf dem deutschen Markt als heute, da hat sich vieles zum Positiven verändert.

Kannst du dir erklären, warum Bobkowski im deutschsprachigem Raum (und nicht nur dort) so wenig bekannt ist?

Nein, eigentlich nicht, auch die Thematik sollte die Menschen mehr interessieren … aber man weiß es nie, vielleicht kommt der Durchbruch noch, zu wünschen wäre es.

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