2 Versionen einer Rückkehr

Bob kehrt am 29.09.1940 zu seiner Frau Basia nach Paris zurück. Sie haben sich das letzte Mal Anfang Juni gesehen, vor 4 Monaten also. Bob steht nach dieser langen und intensiven Reise vor seinem Haus, er weiß nicht, was ihn zu Hause erwartet. Die Nazis haben im Juni Paris besetzt und er hat seitdem kaum Nachricht von seiner Frau bekommen. An dieser Stelle ist es sehr aufschlussreich, das Original mit den überarbeiteten und publizierten Tagebüchern zu vergleichen. Es sind zwei verschiedene Versionen, eine ist für den Leser bestimmt, die andere ist eine private Aufzeichnungen über die eigentliche Rückkehr und die Probleme, die sie mit sich bringt. Vielleicht lässt sich die überarbeitete Version auch als Wunschdenken lesen, der Held kehrt nach Hause zurück und wird mit Freudentränen empfangen:

aus den publizierten Tagebüchern:

29.09.

(…)Es ist so finster, daß wir uns beinahe vorwärtstasten müssen. Rue Richelieu, Rue Laffitte. Nach einer Weile erkenne ich die Umrisse der Säule von Notre-Dame de Lorette. Ich sage leise zu Tadzio, daß wir schon zu Hause sind. Die Straßen hier sind leer wie Kellergewölbe. Mein Herz schlägt so stark, daß ich in dieser Stille jeden einzelnen Schlag deutlich hören kann. Meine Kehle krampft sich zusammen. Ich öffne das Tor. Ich lasse Tadzio mit den Rädern im Hof zurück und laufe die Treppe hinauf. Ich läute. P. öffnet. Ich stoße ihn zur Seite und eile in die Küche. Ich sage nur einen Namen und spüre überall die Wärme des Körpers, der sich anschmiegt, sich in meine Arme preßt, den Duft der Haare, die Augenhöhlen unter meinem Mund, den Geschmack der Tränen, salzig und heiß…

(aus: Wehmut? Wonach zum Teufel? Rospo Verlag Hamburg, 2000, S238/239)

Die Originalversion der Ereignisse ist weitaus ausführlicher beschrieben und erzählt eine andere Geschichte. Bob findet seine Frau wieder, die jedoch völlig verändert ist, seine romantischen Vorstellungen von dem Wiedersehen werden von der Realität eingeholt.

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Aus den Original-Tagebüchern:

29.09.

Die Straßen sind leer wie Kellerkerker. Wir sind in der St. Lasar. Mein Herz schlägt so heftig, dass ich jeden Schlag ganz genau höre. Einfach kaum zu beschreiben. Ich bin so gerührt, dass es mich in der Kehle würgt. Ich mache das Tor auf und wir rollen unsere Fahrräder in den Hof hinein und lehnen sie an die Treppe. Ich lasse Tadzio warten. Er sagt nur: „Geh schon, lass dir Zeit“. Ich laufe die Treppe hoch, drücke zwei Mal – so wie immer bei den Herrschaften P. Ich höre Pir die Tür öffnen. Er macht auf und ihm stockte der Atem.

Bonsoir Monsieur Docteur!

Ich weiß nicht mehr, was er sagte, er hat mich einfach in die Küche gedrängt. Basia stand bei den Wasserrohren und hat das Geschirr gespült. Eine Salzsäule schien im Vergleich zu Basia eine Balletttänzerin zu sein. Ich sagte: „Basia“ und drückte sie an die Brust. Was kann man dazu sagen: versuch doch einmal so stark zu lieben, mit dem Gedanken „vielleicht-niemals-wieder“ loszufahren und dann auf einmal zurückzukommen. So blieben wir in dieser Küche eine gute Weile stehen. Basia brach nicht in Tränen aus – ich wusste, dass etwas nicht klappte – sie haben sie erledigt. Meine Trägheit trug mich noch 135 Km weiter. Frau P. hat mich zwar laut, jedoch nicht ehrlich begrüßt. Ich weiß schon, was hier los ist. Warte nur, du alte Hexe! Eigentlich habe ich all das schon irgendwie geahnt, gespürt, so dass ich nicht ganz überrascht war. Wie in einem Traum fing Basia an, herumzuhantieren. Ich sage ihr auf Polnisch, dass auf dem Hof mein Kollege wartet, mein bester Freund, dass er wohl bei uns übernachten könne. Sie hat mich ins Treppenhaus rausgeführt und sagt mir, so nervös und beängstigt und gleichzeitig irgendwie hart und betäubt, es sei unmöglich. Tadzio muss sich ein Hotel suchen. „Jędrek, es hat sich hier inzwischen viel geändert, ich erzähl’s dir später, es ist unmöglich, es ist einfach unmöglich, Tadzio kann nicht bei uns übernachten – sie fürchten sich vor ihren eigenen Schatten, etc., etc.

Es traf mich der Schlag. Ich fing an, im Innenhof zu fluchen und da ich vor Tadzio nicht drumherum zu reden brauche, sagte ich ihm ganz schlicht, worum es hier ging. Als ob es nicht schlimm genug ist, dass sie meine Frau verarscht hatten und sie kaum zu erkennen ist, dazu noch solch ein Teufelswerk! Darauf hin kam Pir auf den Hof und lud uns nach oben ein. Über Übernachtung würden wir später diskutieren, jetzt müssten wir was essen, etc. Firlefanz mit charmantem Lächeln.

Wir gingen nach oben. Basia wurde noch steifer. Sie konnte mir nur ins Ohr flüstern: „Nimm nichts von ihnen – habt ihr was eigenes zu essen?“ Ich habe sofort verstanden. Aber Frau P. [wollte] unbedingt Reste vom Braten, eine Suppe [anbieten]. Basia hat sich gewehrt – sie sagt mir erneut „Esst nicht zu viel – ich gebe euch mehr oben“. Aha, denke ich mir, diese Basia, sie hatte es schwer hier. Sie ist so abgemagert, mein armes Ding – ich kann nicht aufhören, sie mir ständig anzuschauen und wir haben einander angelächelt. Sie muss einfach ohne mich vergessen haben, wie es ist, zu lachen. Das Gespräch ist ziemlich chaotisch. Pir hat darauf bestanden, dass Tadzio doch im dritten Stock in einer leeren Wohnung schläft. Sobald wir mit dem Abendbrot fertig waren, haben wir da ein Bett mit Matratze hingestellt, obwohl Basia offensichtlich damit nicht einverstanden war. Ich ordne meine Sachen und höre Frau P. zu Pir sagen: „Lass das, Barbara räumt morgen auf“ Als hätte mir einer einen Tritt versetzt! So ist es! So sprechen sie über Basia wie über ein Dienstmädchen! Da haben die Bösewichte ein bequemes Leben – ein Dienstmädchen gratis, denn ich bin mir sicher, dass Basia für jeden kleinsten Bissen ihnen zahlt und dazu noch den ganzen Tag lang schuftet. Ich habe mich beherrscht. Wir haben das Bett für Tadzio hergerichtet, Fahrräder und Gepäck bei uns oben mit Tadzio hinaufgetragen – eine Gute Nacht allen. Endlich sind wir alleine und klettern in den sechsten Stock hinauf. Ich wasche mich in der Küche in einer Waschwanne. Ich quatsche Basia absichtlich an und tue so, als merkte ich ihre Steifheit nicht. Ach, was das alte verdammte Weib aus Basia alles gemacht hat! Gleich wird Basia wieder munter. Ja, sie muss doch auch wegen meiner Rückkehr ganz verwirrt sein – mit ihrem üblichen Pessimismus hat sie bestimmt mit nichts mehr gerechnet. Ich frage nach Neuigkeiten – dies oder das – ich lache, ich zeige ihr meine braungebrannte Haut, meine Muskulatur. Und sie dagegen sagt nur das, was weh tut und mich verblüfft. Ich lass mich nicht von diesen Nachrichten schaffen. Nur eins zieht mir echt durch die Rübe [nur eins hat mich wirklich schwerstens getroffen]. Sie hat zwei Hefte meiner „Memoires“ verbrannt, wenn auch unter Druck von Herrschaften P. Da kocht mir das Blut in den Adern. 240 Seiten meiner Notizen seit dem Kriegsausbruch. Uff – ich habe es geschafft, mich zu beherrschen – morgen denke ich wieder darüber nach. Basia war sowieso den Tränen nah, als sie mir das erzählte.

Wir gehen schlafen – Basia und ich. Wir sind nicht mehr daran gewöhnt – mit Ausziehen zögert Basia irgendwie. Komisch. Ich komme mir auch selbst dumm vor, wenn ich sie bei mir im Bett wahrnehme. Seit vier Monaten….

Ich fing an, ihr all das, was ich gesehen und erlebt habe, zu erzählen. Wir haben fast bis zum grauen Morgen geplaudert …

(aus den Originaltagebüchern S 119, 120 (siehe Fotografien), die mir Łukasz Mikołajewski netterweise zur Verfügung gestellt hat. Die Originale liegen in New York, im Polish Institute of Arts and Sciences of America (PIASA), http://www.piasa.org)

Übersetzt hat Polkowska Monika

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