Das „wahre“ Leben

In den Notizen der Originalmanuskripte reflektiert Bobkowski am 01.10.1940 erstmals über seine Reise durch Frankreich und vergleicht seine Erfahrungen mit denen seiner Frau Basia, die alleine in Paris geblieben war. Dabei bezeichnet er seine Entscheidung als egoistisch, romantisch; wie ein kleiner Junge, der nur Flausen im Kopf hat, sei er auf eine Abenteuerreise gegangen, während das wahre Leben zu Hause in all seiner Härte stattgefunden hätte. Während er seine Freiheit ausgekostet hat, so Bob, sei Basia zur Sklavin von den P.´s geworden, zwei Eheleute, die zu dieser Zeit den Bobkowskis eine kleines Dachzimmer für Bedienstete in Paris vermietet hatten.

An dieser Stelle erfahren wir auch, warum Bobkowskis erster Tagebucheintrag am 20.05.1940 stattfindet. Es ist nicht der erste Eintrag in sein Tagebuch; die übrigen Notizen, die Bobkowski sich ab dem 09. September 1939 bis zu diesem Tag gemacht hatte, wurden von seiner Frau Basia aus Angst vor den Nazis verbrannt. Wir finden eine ausführliche Notiz zu Basias Bewegründen in dem Eintrag vom 01. Oktober 1940, der hier in der deutschen Übersetzung vorliegt. Übersetzt hat Monika Polkowska.

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Aus den Originalmanuskripten:

01.10. 1940

Die erste Nacht nach meiner Rückkehr haben wir eigentlich bis zum Morgengrauen geplaudert. Ich erzählte Basia und Basia – mir. Meine Erzählung war romantisch – Sonne, saphirblaues Meer, Trauben, alles dem Leben so weit entfernt, wie damals diejenigen Tage in Carcasonne – auf der Reise, an der See, als ob aus einem Märchen ausgeschnitten. Manchmal kann ich kaum noch daran glauben. Sommerferien, die ich nie in meinem Leben gehabt hatte und, vermutlich auch nicht mehr haben werde.

Das, was Basia erzählt hat, war das [wahre] Leben – was für Ferien sie hatte! Es war mir nicht zumute ihr über mein Leben in den Monaten unserer Trennung zu erzählen. Während ich mich wie ein Junge unterhielt, musste sie unsere „Wohltätern“ ertragen. Ihr Ehrgeiz und Stolz machten diese „Plackerei“ doppelt so hart. In dem Moment, in dem die Verhältnisse sich änderten, zeigten diese ihre wahre Natur. All die Ereignisse und Gefechte sind kaum zu beschreiben.

Nach meiner Abreise am 12. Juni ist Basia alleine geblieben, zum Teil durch Ereignisse niedergeschlagen, die in diesen Tagen nacheinander folgten. Am 15. Juni sind die Deutschen in Paris einmarschiert. Hätte sie doch in diesen Tagen zwischen meiner Abreise und „Änderung des Systems“ einen Moment des Durchschnaufens gehabt. Ich habe mich schon in dem Zeitpunkt der Abreise prächtig unterhalten! Ich habe auf all das, auf die Flucht gepfiffen und all die Krawalle wie einen Sport betrachtet; im Grunde genommen hat mich all das amüsiert, denn ich sah es als ein Abenteuer. Es war für mich wie ein Kino, wobei ich selbst die Hauptgestalt dieses Films war. Es faszinierte mich einfach von Anfang an – ich war aufgekratzt und fühlte mich richtig am Platz. Nicht mein Land ging zugrunde – ich dachte nur an mich selbst und eigentlich fand ich es lustig. Hier eine Fahrt mit dem Auto unter Scharen von Flüchtlingen, da wieder ist eine Armee auf der Flucht; Bomben können gleich fallen, alles geht auseinander, man muss an sich selbst denken, man muss kombinieren, schlau sein, sich der Massenpsychologie nicht aussetzen – eine Verwirrung – man muss sich aus dem Staub machen, das Fahrrad, der Zug und wieder ein Fahrrad, so bis hin in einen Zufluchtsort in Carcassonne. Das Leben war so intensiv, das muss ich zugeben, und es hat mir gefallen. Ich glaube, man muss dazu eine gewisse Neigung haben – nur Flausen im Kopf zu haben, so wie ich und dazu noch alles von dieser Perspektive zu betrachten; da es mir alles auch gelungen ist und ich ein ausgesprochen großes Glück hatte, brauchte ich unter diesen Umständen keinen Konrad [Konrad Wallenrod – ein romantischer Held der polnischen Literatur] abzugeben [die Rolle des Konrad spielen]. Und dazu noch war ich absolut sicher, dass ich wiederkehre – dass es nur eine vorübergehende Trennung ist.

Der Mensch ist doch ein geborener Egoist. Unter solchen Umständen wie diese Flucht und ein Untergang des ganzen Landes – und dazu eines fremden – wird der Egoismus immer zum Vorschein kommen und gerade ihm ist es zu verdanken, dass man seine eigenen Interessen verteidigen kann. Meinetwegen. Ich habe mein Leben gerettet und aus dem ganzen Chaos bin ich mit einem Profit/Vorteil herausgekommen. Die Erzählung von Basia war nicht so „romantisch“.

Es zeigte sich vor allem, dass die Herrschaften P. Paris ganz heimlich verlassen wollten – am Vortag unserer geplanten Ausreise. Sie wollten uns einfach so verlassen, ohne eine einzige Nachricht – ganz heimlich verschwinden und sich keine Sorgen mehr um uns machen. Erst als sie es nicht schafften, als sie bemerkten, dass es unmöglich ist, Paris ohne Auto zu verlassen, hat die Frau P. uns den Weg auf der Treppe verstellt und mit rührenden Tiraden angefangen, „alle hätten sie schon verlassen, und wir würde ihnen wohl so was nicht antun“, etc. Und wir haben diesen Witz geschluckt, vertrauten diesem Gerede. Und doch noch einen Tag früher waren sie bereit, sich zu verziehen ohne uns ein Wort zu sagen, alleine sitzen zu lassen. Letztendlich bin ich am 12. losgefahren. Ich verließ das Haus gegen 11 Uhr. An demselben Nachmittag versuchten die P. noch einmal zu fliehen. Sie nahmen kleine Koffer und – diesmal mit Basia – fuhren zum Gare de Lyon. Sie standen in einem Menschengedränge von 6 bis 11 Uhr in der Nacht und konnten sich kaum bewegen. Die Leute haben sich in die Hosen gemacht. Basia erzählt mir, sie habe die ganze Zeit darum gebeten, dass die Reise nicht zu Stande kommen würde. Und der liebe Gott hat sie erhört, denn Frau P. hatte letztendlich einen hysterischen Anfall. Dann fing Basia an, sie zu überzeugen, dass die Reise einfach sinnlos ist – und die Alte hat zugestimmt. Als Pir mit den Fahrkarten zurück war und sie mitzuschleppen versuchte, geriet Beatrice fast in eine Schlägerei mit ihm, und sagte, sie habe einen Revolver dabei und falls sie nicht sofort nach Hause gingen, werde sie ihn auf der Stelle töten. Sie musste sehr überzeugend gewirkt haben, denn Pir, obwohl er die Hose voll hatte vor Angst vor den Deutschen, fand sich doch damit ab, nach Hause zurückzugehen. Er war gezwungen, zwischen einem garantierten und nicht garantierten Tod zu wählen. Als ein „vorsichtiger“ Mensch hat er den nicht garantierten gewählt und sie sind alle nach Hause zurückgekehrt.

Einige Tage später bekam Basia unerwartet Probleme mit der Küche, die sie in Lamandé geführt hatte. Zwei „Landsleute“, die der Lebensmittelvorräte, für die Basia den Schlüssel aufbewahrte, Herr werden wollten, haben eine Klage bei der Polizeistelle erhoben, Basia habe kein Recht auf diesen Schlüssel. Die Polizei hat Basia gezwungen, diesen Schlüssel zurückzugeben; als dieses Paar aber gerade dabei war, alles zu verkaufen, wurde die ganze Sache aufgeklärt. Das machte viele Umstände, es kam zu Verhören, etc.

Mitte Juli kam es zu dem ersten Krach zwischen Basia und Frau P.. Frau P. hat Basia alle ihre guten Taten bis auf kleinste Details vorgehalten, bis auf jedes uns geschenkte Foto, für das wir unverschämter Weise nicht versucht hätten, das Geld zurückzugeben; sie hat uns auch Möbel vorgehalten, die wir „kaputt gemacht haben“, alles, alles. Es war nicht schwer sich vorzustellen, wie sich das auf Basias ohnehin schon strapazierte Nerven auswirkte. Sie fasste den Entschluss, auszuziehen. Noch an diesem Tag hat sie sich ein Zimmer in Lamandé gesucht. Angesichts solch einer Entschiedenheit hat Frau P. den Streit gemildert – sie hat sich bei Basia entschuldigt und all die früheren Vorwürfe widerrufen… Basia ist geblieben und beschloss mit ihrer Arbeit all die Gefallen zurückzuzahlen. Sie war alles in einem: Dienstmädchen, Consierge und Gesellschafterin. Despotismus und Gefühl, auf beide angewiesen zu sein, und dazu noch keine Nachricht von mir – das hat sie in Verzweiflung gebracht.

Dazu noch hat Frau P. ihre Situation ausgenutzt und mit ihr gemacht, was sie wollte. Für sie hat Basia Schlange gestanden, Vorräte gehamstert, 20 Stockwerke Treppen mit Stahlspänen geschliffen und gebohnert, den Hof gefegt und dazu kommt noch, dass sie mit ihnen an einem Tisch saß und für jedes Stück Brot zahlte. Das Geld wurde eifrig entgegengenommen. Und so hatte Basia keine freie Minute für sich selbst, für uns hat sie so viel wie nichts gekauft und jetzt, nach meiner Rückkehr, haben wir fast keine Vorräte. Frau P. hat aber 50 kg Zucker, 20 kg Schokolade, einen Sack Kakao, etc. Egal, das ist nicht mein Bier!

Basia hat sich in eine kleine, von einer Spinne umwickelte Fliege verwandelt – sowohl körperlich als auch moralisch. Jeder ihrer Schritte stand unter Kontrolle, und Briefe, die sie mir nach Carcasonne schrieb, mussten eine Zensur durchgehen, dass da ja nichts „unvorsichtiges“ steht. Furcht vor den Deutschen nahmen sie [Herrn und Frau P.] seit den ersten Tagen der Besetzung in Beschlag. Pir hat das Haus innerhalb der ersten zwei Wochen nicht verlassen. Unter ihrem Druck war Basia gezwungen, meine zwei ersten Hefte zu verbrennen – Notizen seit 9. September 1939 bis Mai 1940.

(aus den Originaltagebüchern (siehe Fotografien), die mir Łukasz Mikołajewski netterweise zur Verfügung gestellt hat. Die Originale liegen in New York, im Polish Institute of Arts and Sciences of America (PIASA), http://www.piasa.org)

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